MacDuff, John - Nach Jesu Sinn - 29ster Tag. Liebe zur Einigkeit.

Ein Jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war.

Auf dass sie alle eine seien.
Joh. 17,21.

Wenn die Christenheit einen Grund hat, ihre Harfen an die Weiden zu hangen: so ist es besonders der, dass das Schibboleth der Parteien noch so oft in ihr gehört wird, dass die Sektiererei noch immer ihre Spanischen Reiter1) innerhalb der Tore des Heiligtums aufstellt!

Wie anders ist Jesu Sinn! Obgleich zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israels gesandt, erkannte Er doch auch immer andere Schafe, nicht aus diesem Stalle, an. Dieselben muss Ich herführen war eine Aussage, die Er fortwährend mit der Tat bekräftigte. Wählen wir ein Beispiel; das samaritische Weib erwies, was leider in der Welt nur zu allgemein ist, einen gänzlichen Mangel aller Religion, verbunden mit dem glühendsten Eifer für ihre eigene Sekte. Sie lebte in offener Sünde, doch verstand sie sich auf die feinsten Verschiedenheiten zwischen Juden und Samaritanern, zwischen dem Berge Garizim und dem Berge Zion. Wie bittest Du von mir zu trinken, so Du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Bekräftigte Jesus ihre Sektiererei? Hörte Er ihre Meinung ohne Tadel an? Nein! Seine Antwort ist: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer Der ist, Der zu dir sagt: Gib mir zu trinken; du bätest Ihn und Er gäbe dir lebendiges Wasser. Er konnte Sich nicht durch engherzige Ausschließlichkeit von freundlichem Entgegenkommen gegen eine Fremde abhalten lassen; - nein, Er wollte ihr vielmehr das lebendige Wasser geben, das in das ewige Leben quillt! Wie traurig ist es, dass in unseren Tagen, wo der Feind wie ein Strom hereinbricht und die Reihen des Papsttums und des Unglaubens sich in verhängnisvoller und furchtbarer Vereinigung erheben, dass da die Streiter Christi mit von innerlichen Fehden zerrissenen und befleckten Fahnen dem Angriffe entgegengehen müssen. „Einförmigkeit“ darf nicht, aber „Einigkeit“ im wahren Sinn des Wortes sollte sein.

Wir mögen verschiedene Bekleidung tragen, doch lasst uns neben einander stehen, Glied an Glied, die Kämpfe unseres Herrn kämpfend. Wir mögen verschiedene Teile des siebenarmigen goldenen Leuchters sein, in äußerer Form und Gestaltung von einander abweichend; doch lasst uns vereinigt sein, dessen Lob darzutun, der die Treue im Leuchten. als Lichter der Welt, als die einzige Berechtigung zur Mitgliedschaft Seiner Gemeine aufstellt. Wie können wir das 13. Kapitel der 1. Epistel an die Korinther lesen, und dann an unsere Spaltungen denken? Wie erbärmlich, sagt ein frommer Mann, wäre es in einem Hospital, wenn jeder Patient an der Krankheit des Andern Anstoß nähme, anstatt sich zu bemühen, sie zu erleichtern!

Ach! hätten wir mehr wahre Gemeinschaft mit unserm Heilande, so würden wir auch mehr wahre Gemeinschaft mit einander haben. Wenn Christen ihre Pfeile mehr in die Salbe von Gilead eintauchten, so gäbe es weniger Wunden im Leibe Christi. Wie viel wird das Wort Duldung unter uns gebraucht! sagte Einer, der, mehr denn die Meisten unter uns, von dem Sinn Seines Herrn in sich eingesogen hatte, - wie dulden wir einander, eine Kirche duldet die andere, und eine Sette die andere! O verhasstes Wort! Einen dulden, für welchen Jesus starb! Einen dulden, den Er auf dem Herzen trägt! Den Tempel des Lebendigen Gottes dulden! Ach, wir sollten uns vor Gott des Wortes Duldung und Toleranz herzlich schämen! Sie sollten alle Eins sein, wie der Vater Eins ist mit dem Sohn!

1)
Ein Spanischer Reiter (auch Friesischer Reiter, franz. cheval de frise) ist eine seit dem Mittelalter unter diesem Namen bekannte, aber bereits in der Urgeschichte verwendete Barriere.